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Wie jedes Jahr fand auch diesen Herbst die traditionelle Konzertreise der Singknaben statt, welche uns diesmal ins Südtirol und nach Norditalien führte.

St. Leonhard

Wir verliessen Solothurn am Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe. Nach einer zehnstündigen Reise, die dank Giuseppe, unserem Busfahrer, ohne Probleme verlief, erreichten wir St. Leonhard im Passeiertal. Kurz nach der Ankunft gaben wir bereits das erste von sieben Konzerten. Obwohl die lange Fahrt besonders den Jüngsten etwas zu schaffen gemacht hatte, war genug Motivation vorhanden, so dass sowohl dieses erste als auch die folgenden Konzerte zur Zufriedenheit aller ausfielen.



Für das Gelingen der Konzerte war jedoch nicht nur der Chor verantwortlich: die Instrumentalisten Thilo und Angelika Hirsch und Franziska Finkh trugen ebenfalls einen großen Teil dazu bei: Sie begleiteten den Chor mit alten Instrumenten und lockerten unser Programm mit Instrumentaleinlagen auf, so konnten sich die Sänger ein wenig erholen und dazu noch den Klängen von Johann Sebastian Bach lauschen konnten. Am nächsten Tag folgte noch ein Gottesdienst in St. Leonhard, bei dem noch mehr Leute anwesend waren als beim Konzert am Vorabend. Auch bei den Konzerten konnten wir uns nie über zu wenige Zuschauer beklagen: Während der ganzen Tournee sangen wir ausnahmslos vor vollen Sälen.

Brixen

Unser nächster Aufenthaltsort war Brixen. Wie in jeder Ortschaft auf dieser Reise, wurden wir auch dort herzlich empfangen. Aber anders als gewöhnlich waren die meisten Chormitglieder nicht in Gastfamilien, sondern in einem Internat namens Vinzentinum untergebracht. Ein Erzieher kümmerte sich während des dreitägigen Aufenthalts beinahe rund um die Uhr um uns und zeigte sich interessiert für die Schweiz im Allgemeinen und unseren Chor im Besonderen.

Dementsprechend gross war auch der Wunsch, uns Aspekte der dortigen Kultur nahezubringen. Kulinarisch wurden uns vor allem die Spezialitäten der jeweiligen Region präsentiert. So können wir nun Apfelstrudel aus St. Leonhard von dem aus Toblach unterscheiden. Ausserdem besichtigten wir die Landesausstellung in Brixen und erfuhren dort nicht wenig über das Wirken des Bischofs Nikolaus Cusanus: Das Spiel "Ludus globi", mit dem sich dieser Bischof beschäftigt hatte - eine Mischung aus Boccia und Bowling - zog auch viele von uns in seinen Bann. Überhaupt scheinen wir Singknaben besonders angetan von Ballspielen jeder Art: Wann immer wir etwas Zeit hatten, wurden Bälle aller Sorten und Größen durch die Gegend befördert.



Chorgemeinschaft

Ob es diese Ballspiele waren, die den Zusammenhalt unserer Gruppe förderten und die Stimmung im Chor verbesserten, sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, dass es während der ganzen Reise kaum Streitereien gab; ob nun während der langen Busfahrten, bei den zahlreichen Spielen oder beim abendlichen Ausklang des Tages im Restaurant: Dank der grossen Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Anderen herrschte während der ganzen Woche eine schöne und lockere Atmosphäre.

Besonders machte sich diese beim gemeinsamen Essen bemerkbar: In Restaurants beim Abendessen vor dem Konzert wie auch im Speisesaal des Vinzentinums am Mittag, immer herrschte eine angenehme Stimmung, die nur im Vinzentinum manchmal etwas aufgewühlt wurde, wenn einige von uns mit der Akustik des Speisesaals zu experimentieren begannen - sie behaupteten, dass, wenn man an der richtigen Stelle sässe, man jemanden am anderen Ende des Raumes durch das Stimmengewirr hindurch genau verstehen könne; diese Experimente führten dann zu einigem Gelächter und heftigen Diskussionen.

Pordenone

Nach drei Konzerten in der Gegend um Brixen machten wir uns auf den Weg nach Pordenone, nicht jedoch ohne vorher Venedig einen Besuch abgestattet zu haben. Die Fahrt mit dem Schiff zur Stadt war wohl für einige – den skeptischen Blicken auf die Wellen nach zu urteilen – das erste Mal auf "hoher See". Nach einer halben Stunde kamen wir jedoch gesund und ohne schlimmere Fälle von Seekrankheit in Venedig an. Abgeschreckt jedoch von der gigantischen Menschenmasse, die in den Markusdom drängte, unterliessen wir es, dort Monteverdis "Laudate pueri dominum" zu singen; trotzdem war unser Abstecher ein eindrückliches Erlebnis, zum einen wegen der prachtvollen Bauwerke, zum anderen wegen des schönen und warmen Wetters, welches wir in dieser Woche sonst nicht sehr oft geniessen konnten.



In Pordenone stellten wir fest, daß Konzerte auch in weltlichen Räumen gelingen können: Wurden wir doch in den Gemeinderatssaal "verbannt", dessen Akustik sich kaum mit einer pelzverkleideten Kartonschachtel hätte messen können. Unser ganzes Konzert war ausserdem vom Gastgeber im Stil einer italienischen Fernsehshow organisiert worden, Moderatorin und Interview mit dem Dirigenten inklusive; und hatten wir uns um alte Instrumente bemüht, so wartete der gastgebende Chor mit keyboardbegleiteten Songs aus "Sister Act" auf. Wir überwanden aber den ersten Schrecken und das Publikum war begeistert: Es war bestimmt kein Konzert, wie wir alle es erwartet hatten, aber um so länger wird es uns dafür im Gedächtnis bleiben.



Ascona

Am Freitag, dem zweitletzten Tag der Reise, nahmen wir den langen Weg von Pordenone nach Ascona im Tessin unter die Räder. Am Abend gaben wir das letzte Konzert der Reise in Ascona, auch wenn es nicht das letzte Mal in dieser Woche war, dass wir das estnische Ave Maria anstimmten. Das nämlich wünschten sich unsere drei Instrumentalisten, die sich während dieser Woche so gut bei uns eingelebt hatten, am Tag darauf als Abschiedsständchen. Der Busfahrer Giuseppe – "Wir möchten keinen anderen Fahrer mehr", so war die einhellige Meinung bei den Sängern – wollte noch einmal das Gloria aus "Laudate pueri dominum" hören, ein würdiger Abschluss für eine so eindrückliche Reise...

Andreas Müller, Gabriel Sollberger

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