Die Herbstreise 2005 führte die
Singknaben quer durch Italien. Dort
lernten sie, dass auch Gastfreundschaft
durch den Magen geht. Und
die Meisten kamen mit dramatisch
verbesserten Italienischkenntnissen
nach Hause.
Die erste Etappe unserer Reise war zugleich die
längste: am Freitag Nachmittag machten wir
uns auf den Weg in Richtung Toskana, selbstverständlich
mit einem kleinen Zwischenhalt:
In einem keinen Ort am Iseosee übernachtete
der ganze Chor in einer Jugendherberge, wo
man sich am nächsten Morgen bei strahlendem
Wetter und Seeblick bestens auf die
bevorstehende Reise einstimmen konnte.

Die kleine Stadt Peccioli, malerisch auf einem
Hügel in der Toskana gelegen, war unser erster
Konzertort, ein Landgasthof, zwischen Pinien
und Olivenbäumen, die Unterkunft für den
ganzen Chor. Doch nicht genug der südländischen
Atmosphäre: Dass die Pasta meist nur als
Vorspeise gereicht wird, mussten einige unter
heftigem Völlegefühl erst einmal lernen.
Ebenso neu für uns Alpennordseitler war der
ungewohnt späte Konzertbeginn: Ab halb zehn
Uhr abends begannen sich die Reihen in der
Kirche zu füllen, und selbstverständlich gab es
Kaffee und Kuchen nach dem Konzert. Kein
Wunder also, dass die meisten todmüde ins
Bett fielen und ganz und gar nicht unglücklich
darüber waren, am nächsten Morgen ein wenig
ausschlafen zu dürfen.

Pisa, die nächste Station unserer
Reise, war nur eine knappe
Autostunde entfernt; so blieb genug
Zeit, ausgiebig die Stadt zu besichtigen
und Dutzende von Bildern zu
fabrizieren, auf welchen Singknaben
den schiefen Turm stützen, oder (ein
bisschen innovativer) ihn von der
anderen Seite her umstossen. Im
Konzert am Abend sangen neben
den Singknaben auch die
Sängerinnen und Sänger des
Gastgeberchors, eine schöne Sitte,
welche uns die ganze Reise über
immer wieder begegnete: Wir brachten
nicht nur Musik mit, wir konnten
aus jedem Konzert auch etwas mitnehmen;
auf anderen Konzertreisen
haben wir unsere Gastgeber oftmals
nicht so gut kennen gelernt,
besonders nicht von der musikalischen
Seite.
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Was wäre eine Reise nach Italien
ohne das Meer? Wirkliches
Badewetter war es leider nicht an
jenem Tag, doch mussten, trotz der
kühlen Temperaturen, einige der jüngeren
Sänger mit Mühe davon abgehalten
werden, sich vor lauter
Begeisterung mit Jacke und Hose ins
Wasser zu stürzen. Nach diesem kleinen
Abstecher ging es weiter nach
Piacenza, wo wir zwei Tage verbringen
durften. Diese Stadt erwies sich
in mehrerlei Hinsicht als Höhepunkt
der Reise: Die Sängerinnen und
Sänger des Coro Farnesiano hatten
diesen Sommer Solothurn besucht,
so gab es schon bei der Verteilung auf
die Gastfamilien einiges an freudigem
Wiedersehen, und die rührende
Gastfreundschaft, die unsere
Gastgeber uns entgegenbrachten,
machte das schlechte Wetter mehr als
wett.
Am gemeinsamen Konzert, vielen
wohl als das schönste der ganzen
Tournee in Erinnerung, sangen Coro
Farnesiano und Singknaben vor
einem begeisterten Publikum, welches
die Sänger zu Höchstleistungen
anspornte. Beim der anschliessenden
gemeinsamen Feier gab es dann kein
Halten mehr: Zwischen dem von
unseren Gastgebern hergerichteten
Buffet aus lokalen Spezialitäten
wechselten sich die beiden Chöre
unter tosendem Applaus mit einer
informellen Fortsetzung des erfolgreichen
Konzerts ab. Kein Wunder,
dass gerade in dieser Atmosphäre
das wilde «Era nato» des
Männerchors der Singnaben
besonders gut ankam.

Auch das Konzert in Loreggiola,
einem 1000-Seelenort, wo der ganze
Chor im Kirchgemeindehaus übernachtete,
ist in bester Erinnerung.
Trotz der eigenwilligen Akustik der
Kirche (ein Fingerschnippen führte
zu einem zischenden Geräusch) war
das Publikum begeistert, speziell von
der Zugabe «Signore delle Cime».
Beim anschliessenden gemütlichen
Zusammensein mit unseren
Gastgebern kamen auch die jüngeren
Sänger auf ihre Kosten, so wurde
im Kirchgemeindehaus bis zu eher
ungewöhnlicher Stunde Tischfussball
und Billard gespielt.
In der wunderschönen historischen
Stadt Modena konnten sich alle noch
ausgiebig mit allen Sorten feinster
kulinarischer Spezialitäten eindecken,
die uns die ganze Reise über
begleitet hatten; davon am meisten
vermissen werden wir die Lasagne
(die Jüngeren unter uns) und den
Autobahnraststättenespresso (die
Älteren unter uns).
In Bergamo schliesslich fand unsere
Reise in einer Jugendherberge mit
bester Lagerstimmung ihren
Ausklang, oder um es mit einem
inzwischen auch in Norditalien verbreiteten
Helvetismus zu formulieren:
Grande cinema, scatoloni di
scherzi.
Andreas Müller
> zu den Bildern der Tournee 2005
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