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Praktizierende Musiker vertreten oft die Meinung, dass das Unterrichten der Musik ihre Entfaltungsfreiheit nehme und durch Zwang ihren Erlebnisspielraum einenge. Könnte man behaupten, dass auch in der Arbeit der Singknaben Bachs Musik als Erziehungsstoff verwendet wird?
Dass sich das Werk Bachs als Doppelaufgabe begreifen lässt, scheint mir ausser Zweifel. Der Hörerwartung des Publikums muss durch Klang entsprochen werden, und für die Ausführenden kann die vertiefte Begegnung mit der Aussagekraft und Logik dieser Musik gar nicht ohne positive Bildungsfolge bleiben.
Ist der Arbeitsmittelpunkt Johann Sebastian Bach für Ihre Knaben nicht doch zu schwer, zu vergeistigt, zu streng und herb? Wo bleibt das unbelastete Vergnügen der jungen Leute?
Die neu eintretenden Sänger haben eine relativ kurze Gewöhnungsphase im Vorkurs zu durchlaufen, denn schon beim ersten Konzert spüren sie die Suggestion der Bachschen Musik. Man kann förmlich zusehen, wie sie durch die Macht des Geistes aufgeschlossen werden. Im übrigen sollte niemand denken, dass unsere Singknaben ständig mit gefalteten Händen einhergehen. Spass und Spiel kommen bei uns in Lagern und gemeinsamer Freizeit genauso zu ihrem Recht.
Gibt es nicht zeitweilige Ermüdungserscheinungen an der Singknaben-Programmlinie mit den alljährlichen Oratorien - oder Passionsaufführungen?
Die könnten höchstens mich betreffen, denn der Chor regeneriert sich ständig und wächst immerzu aufs neue in seine Aufgabenstellung hinein. Das ist wie ein ewiger Frühling! Im übrigen gibt es kein Programmdiktat für den Jahresablauf, sieht man von den monatlichen Gottesdiensten an der Kathedrale ab. Über neue Stücke wird gesprochen. Nicht angenommene Kompositionen werden wieder beiseite gelegt.
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Im Verlauf Ihrer nun schon 30-jährigen Amtszeit hat die schulische Musikpädagogik mehrere Salti geschlagen: von der grossen Bewegung Orffscher Prägung bis zum lernzielorientierten Schallplattenhören und nun wieder zurück zur Volkslieder-Epoche. Hatten Sie durch Ihre praxisorientierte Arbeitsweise irgendwelche Reibungs-schwierigkeiten mit der offiziellen Musikdidaktik?
Ich habe in der Musikpädagogik meinen eigenen Weg und meine eigenen Erfahrungen machen müssen. Ich habe versucht, weitgehend autodidaktisch, eine klare Arbeitslinie zu finden und methodisch auf die Bedürfnisse junger Menschen einzugehen.
Drei bis vier Chorstunden in der Woche, Gottesdienste und viele öffentliche Auftritte bringen doch unzweifelhaft Eingriffe in die familiären Planungen Ihrer Sänger mit sich. Haben Sie nicht regelmässig mit internen Schwierigkeiten zu kämpfen?
Es grenzt tatsächlich an den Bereich des Wunderbaren, dass wir in all den Jahren durchgekommen sind. - Oft genug bedeutet die Teilnahme an der Singknaben-Verpflichtung Entsagung im Freizeitprogramm der Familie. Aber positive Einstellung zu unserm Chor ist charakteristisch für den Sänger und seine Familie. Ohne sie gäbe es den Solothurner Knabenchor nicht!
Bei so vieler familiärer Bindung dürfte der Abschied aus den Singknaben Ihren Sängern nicht leicht fallen.
Es geht nicht immer ohne Tränen ab, wenn der Chor seine Mutanten verabschieden muss. Gegen den endgültigen Stimmbruch hilft keine Medizin. Wir haben das von der Natur erzwungene Ausscheiden menschlich geregelt. Wer will, kann in die Mutantengruppe umsteigen und weiterhin in Kontakt bleiben. Später besteht die Möglichkeit als Tenor oder Bass wieder mitzusingen.
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